Jahresrückblick 2022 – Teil 5: 149 Tage Krebs

Jahresrückblick 2022 – Teil 5: 149 Tage Krebs

Aus Sicht von Chris, kommentiert von Alexandra

Nach wenigen Wochen daheim und der Erkenntnis, dass wir dieses Heim nicht mehr brauchen und das Wetter ohnehin grauslich war, entschieden wir uns im Juni, nach Italien zu entfliehen. Wir hatten wieder unsere Räder aufs Auto geschnallt und sind mit offenem Verdeck und Adriano Celentano auf den Ohren über den Brenner gen Süden gerollt. Die Fahrt auf der Brennerautobahn hat für uns etwas absolut Magisches. Wir fühlen uns frei und glücklich und freuen uns unseres Lebens, welches wir umarmen. Dieses Gefühl ist nur schwer zu beschreiben und es rührt uns zu Tränen.

Etwas oberhalb von Bardolino haben wir an der Via Alzeroni ein süßes kleines Haus – die Villa Corte Alzeroni – mit Blick auf den Lago von Alice Mutinelli und Ihrer Familie gemietet und genießen das Dolce Vita. Alice und ihre Familie haben auf ihrem Land in Nachbarschaft zu ihrem eigenen Haus ein kleines Schatzkästchen mit herrlichem Garten und absolut traumhaftem Blick auf den Gardasee errichtet. Alles ist neu und super gepflegt und die große Terrasse und der sehr schöne Garten mit Außendusche sind eine unwiderstehliche Einladung zu unbekümmertem Genuss.

Wir haben dieses Idyll im Vorjahr im Vorbeifahren entdeckt und Alexandra hat den zufällig draußen stehenden Simone, Alices Mann, direkt auf Italienisch angesprochen. So ist ein wunderbarer Kontakt entstanden, den Alice und Alexandra aufrecht erhielten bis wir dann endlich das erste Mal zu Gast sein durften. Die Familie kümmert sich sehr aufmerksam und liebevoll um ihre Gäste. Neben tollem Olivenöl und sehr leckerem Wein aus eigenem Anbau gibt es auch höchst schmackhafte Tomaten. Alice ist super nett, völlig unkompliziert und sehr entspannt und hat mit ihrer natürlichen Art dafür gesorgt, dass ihr kleines Haus zu unserem Zuhause am Gardasee geworden ist.   

Jeden Tag waren wir mit den Radeln unterwegs und legten bis zu 70 km zurück. Wir waren fit und super drauf. Die Gegend um Bardolino und Richtung Verona ist uns sehr vertraut und wir fühlten uns rundum wohl. An manchen Tagen kurvten wir am See entlang und schlugen irgendwo unser kleines Sonnenlager auf. Wir hatten unsere genial leichten und sehr bequemen Helinox Stühle dabei, stellten sie in den See und hingen entspannt und glücklich und zufrieden ab. Abends genossenen wir Giorgios phänomenale Küche im La Formica an der Piazza Luigi Lenotti in Bardolino. Unser Leben war toll und wir waren völlig unbeschwert und unendlich dankbar für dieses Leben, das wir führen dürfen.

Alexandra
Alexandra
Den Anruf erhielt ich am 13.06.2021. Ich saß gerade im Café Mazzini auf der Piazza XXVI Aprile in Bussolengo, wo wir eine Pause auf unserer Radtour eingelegt hatten. Zu diesem Zeitpunkt war nur klar, dass Tumorzellen vorhanden waren und die erste Einschätzung „Anteile eines mittel/hoch differenzierten Plattenepithelkarzinoms G2 vom HPV assoziierten Typ, zumindest pT1a“ lautete – für mich zu diesem Zeitpunkt Fachchinesisch der gehobenen Art. Klar war nur, dass es sich um Gebärmutterkrebs handelt und dass Handlungsbedarf besteht.

Am 13.06. saßen wir auf unserer Radtour nach Verona auf der Piazza in Bussolengo bei Cappuccino und Brioche. Ein herrlicher Tag. Dann klingelte Alexandras Telefon. Ihre Frauenärztin Jamila. Alexandras Gesicht veränderte sich schlagartig und wechselte von Glück zu purem Entsetzen und Angst. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und ihre Haltung drückte Verzweiflung aus. Der letzte Test: Krebs.

Die Sonne schien immer noch genauso strahlend, der Himmel war immer noch tiefblau und die Welt schien freundlich. Dennoch hatte sich unsere Welt auf einen Schlag verändert und wir mussten einen Weg finden, damit umzugehen. 

Wir sind nicht nur ein tolles Paar, wir waren auch in unserem gemeinsamen beruflichen Leben ein bärenstarkes und unschlagbares Dreamteam. Auch deshalb, weil wir anpassungsfähig, schnell, pragmatisch und sehr effektiv sind. Also haben wir nach dem ersten Schreck und unter Tränen beschlossen, dass wir uns dieser Scheiße als Paar stellen und gemeinsam bis zum Ende da durch gehen werden. Und das Ende ist eine gesunde Alexandra. Non negotiable.

Alexandra
Alexandra
Die Diagnose Krebs trifft Dich wie ein Schlag ins Gesicht. Du fühlst dich kerngesund, nichts tut weh, kein Ziepen oder Stechen, alles scheint völlig in Ordnung zu sein. Der Krebs findet bewusst nur in deinem Kopf statt, um genauer zu sein in meinem Kopf und leider auch in meinem Körper. Es fühlt sich nicht richtig an und ist schwer zu glauben.

Wir sind in den Vinschgau gefahren, haben uns bei den wunderbaren Raffeiners, die Alexandra schon seit vielen Jahren kennt, in ihrem sehr schönen Genusshotel Panorama in Kastellbell einquartiert und uns dort rundum verwöhnen lassen. Jeden Tag sind wir mit den Rädern das Tal rauf und runter gefahren. Rauf zum Reschensee, runter nach Meran und wieder hinauf. Wir haben Messner auf Juval besucht. Er war tatsächlich dort.

Wir sind auf die Almen gestrampelt und haben auf der Marzoner Alm und auf der Tarscher Alm traumhafte Brotzeitbrettln und herrliche Süßspeisen genossen, abends im Angerguter Keller ein sagenhaftes Knödeltris gegessen und von Mama Raffeiner neben zahlreichen anderen Köstlichkeiten den weltbesten Kaiserschmarrn kredenzt bekommen.

Der Familie Raffeiner gehört das Genusshotel Panorama. Jasmin führt das Hotel unterstützt durch ihren Mann Christian und Jasmins Eltern sind ebenfalls noch voll aktiv. Die Raffeiners sind Herzensmenschen von großer Wärme und ziehen jeden mit ihrer offenen und liebenswürdigen Art in ihren Bann. Das Hotel wurde erst vor ein paar Jahren neu errichtet und bietet alle erdenklichen Annehmlichkeiten. Dass es sich im wahren Wortsinn um ein Genusshotel handelt, liegt in erheblichem Maße an den Kochkünsten von Mama Raffeiner, die in der Küche das Zepter auf unnachahmlich sympathische und lockere Art in der Hand hält und an sechs Tagen in der Woche sagenhafte Köstlichkeiten zaubert.

Völlig egal, was serviert wird – und das entscheidet sich meist erst im Laufe des Tages – es ist jedes Mal ein Gedicht. Neben unschlagbaren und absolut außergewöhnlichen Knödeln und Kartoffelteigtaschen, unvergleichlichen Pasta Gerichten, zartschmelzendem Fleisch und tollem Fisch ist ihr Kaiserschmarrn schlicht nicht zu beschreiben. Von Jasmin und ihrer unglaublich sympathischen Familie wurden wir auf sehr liebevolle Art rundum verwöhnt und bei den Raffeiners einzukehren ist für uns ein Heimkommen. 

Nach zehn Tagen sind wir zurückgefahren an den Gardasee, zu Alice nach Bardolino und haben unser Trainingsprogramm fortgeführt. Denn das war das Ziel. Mental und physisch fit zu werden für die vor Alexandra liegende Tortur. Denn dass es eine Tortur werden würde, war klar. Darauf mussten wir uns, vor allem Alexandra, vorbereiten. Den Krebsscheiß haben wir weitgehend aus unseren Gedanken verbannt und unser Denken und Handeln auf die körperliche und geistige Gesundheit fokussiert und dabei das Leben genossen. Im Ergebnis war Alexandra Mitte Juli topfit.

Wir hatten bis dahin einen absolut geilen Sommer erlebt und waren – trotz allem – glücklich. Das Leben, das wir so sehr genossen, hatte nochmal eine andere Bedeutung für uns erhalten und wir wussten, dass wir diese Kostbarkeit, dieses einmalige Geschenk, noch mehr schätzen und intensiver und bewusster genießen würden.

Alexandra
Alexandra
Das Gemeine bei Krebs ist, dass nicht sofort richtig klar ist, was genau die Diagnose ist. Im Klartext bedeutet das, dass in Salamischeibentaktik mit jeder Untersuchung, mit jedem Schritt genauer eingegrenzt wird, was genau der Stand der Dinge ist und somit ständige Ungewissheit, Hoffen und Bangen zu unseren ständigen Begleitern wurden. Für mich war nur eines sofort ganz klar: Ich stelle mich dieser Krankheit und all den damit verbunden Schritten.

Die Ärzte sagten uns, dass alles nicht so schlimm würde und wahrscheinlich nur ein kleiner Eingriff nötig sei. Nach dem kleinen Eingriff am 12.07. war klar, dass doch noch eine kurzfristig durchzuführende große Operation fällig wäre. Am 28.07 räumten sie Alexandra in einer fünfstündigen OP komplett aus. Danach wurde uns eröffnet, dass Alexandra – obwohl nun tumorfrei – dennoch eine weitere Therapie bestehend aus Chemo und Bestrahlung bräuchte. Um ganz sicher zu gehen. Gebärmutterhalskrebs ist ein Arschloch. 

Alexandra war völlig klar in ihrer Entscheidung, dass sie auch das durchzieht. Nur keine Chance vertun, die die Heilung absichern würde. Welch dickes Brett das werden würde hat uns niemand erzählt. War vielleicht auch besser. Dunkle Stunden voller Angst und Sorge. Nicht in Worte zu fassen. Alexandra hat gelitten, sehr gelitten und ihr dabei zuzusehen und nichts tun zu können war die Hölle. Aber nichts gegen ihr Leiden. Hätte ihre Gynäkologin Jamila Hagge-Masoud nicht die Spirale eingeschickt – was absolut nicht Standard ist – und dadurch den Hinweis erhalten… Darüber will ich nicht nachdenken. Sie hat Alexandra das Leben gerettet. Danke, Jamila, danke dafür!

Alexandra
Alexandra
So fand ich mich am 12.07.2022 zur Konisation in der Frauenklinik Forchheim ein, unterzog mich am 28.07.2022 einer fünfstündigen totalen laparoskopische Hysterektomie, lies mich adjuvant Radio-Chemo therapieren und bekam zum Schluss noch zwei Brachy-Behandlungen. Die „S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Patientin mit Zervixkarzinom“ wurde zu meiner Bibel. Am 28.07.2022 war ich tumorfrei und am 08.11.2022 habe ich die Therapie abgeschlossen. Es war eine harte Zeit, aber dank meines Mannes – meinem Felsen in der Brandung – meiner Familie und meinen Freunden habe ich es überstanden.

Alexandra hat es durchgestanden mit unglaublicher Kraft, unerschütterlicher Zuversicht und unbeugsamer Haltung. Mein tiefer Respekt! Ich bin erfüllt von großer Dankbarkeit und unbeschreiblicher Erleichterung. Und von unbändigem Stolz auf meine Frau. Dem Arschloch hat sie es so richtig gezeigt.

Ich verneige mich vor meiner Frau, vor meiner geheilten gesunden starken Frau. Der tollsten Frau der Welt, die ich über alles liebe und die mein Leben und mein Zuhause ist.

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